Stolpersteine in Memmingen

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5.11.2016 - Am 2.11.16 meldete die lokale Presse in Memmingen die Verlegung eines Stolpersteins für Franziska Endres im Memminger Stadtteil Amendingen. Das 10-jährige Mädchen wurde 1943 auf Grund seiner Behinderung im Rahmen der berühmt-berüchtigten Aktion T4, beschönigt als „Euthanasie", von den Faschisten ermordet.

Das ist wohl nun der 31.Stolperstein in Memmingen, mit deren Verlegung am 29. Juni 2014 begonnen wurde (siehe Liste der Stolpersteine in Memmingen). Hierzu muss man wissen, dass Memmingen im Vergleich zu anderen Orten im Allgäu traditionell einen sehr viel höheren Anteil an jüdischer Bevölkerung hatte: im Jahre 1895 nämlich 231 Personen, im Juni 1933 noch 161 Personen. So wurde auch 1909 die Synagoge am Schweizerberg eingeweiht (die jüdische Gemeinde z.B. in Kempten war eine Filiale von Memmingen und hatte nur einen gemieteten Betsaal). Diese wurde nach ihrer Zerstörung in der Reichspogromnacht vollends abgetragen. An ihrer Stelle wurde 1988 ein Mahnmal errichtet, auf welchem u.a. die Namen von 106 Personen eingemeißelt sind, die während des Faschismus verfolgt, verschleppt und ermordet wurden.

So ist es nicht verwunderlich, dass die Stolpersteininitiative in Memmingen von der Erinnerung an die jüdischen Mitbürger geprägt ist und die meisten Stolpersteine an diese erinnern. Dennoch sind in einem Hinweis auf die Stolpersteine in dem Internetkompendium über die Juden in bayrisch Schwaben (siehe Alemannia Judaica) einige der Stolpersteinbedachten mit dem Vermerk „nichtjüdisch" versehen: Josef Diefenthaler, Fritz und Karolina Bürk, Martin Mayrock.

Aber auch bei der Verlegung deren Stolpersteine wurde ein hebräisches Gebet verlesen.
Möge es ihnen nützen.

Josef Diefenthaler, geboren 1888 in Meitingen bei Augsburg, fand in seinem erlernten Beruf als Bäcker keine Arbeit mehr und zog nach Memmingen, wo er in einem Sägewerk arbeitete. Er schloss sich der Kommunistischen Partei an. 1933 kam er nach der Machtübertragung an die Faschisten,wie viele andere auch, zunächst in Memmingen in Schutzhaft und bald in das neu eröffnete KZ Dachau. Es folgte ein Prozess mit einem Urteil von zwei Jahren Zuchthaus wegen „Anstiftung zum Hochverrat". Diese Strafe verbüßte er unter Folter und Zwangsarbeit im Steinbruch im Gefängnis Amberg. Nach der Entlassung kam er beileibe nicht frei, sondern wurde der Gestapo übergeben. Die verbrachte ihn erneut ins KZ Dachau. Im Jahre 1939 wurde er in das KZ Mauthausen verlegt, wo er einige Monate später verstarb. Ironie der Geschichte: Beim Googeln zu Josef Diefenthaler stößt man auch auf einen SS-Sturmbannführer Josef Diefenthal.

Sein Genosse, der Kommunist Fritz Bürk, wurde 1893 geboren. Er arbeitete als Stricker in Memmingen und kam ebenfalls unmittelbar nach Erlass des Ermächtigungsgesetzes nach dem Reichstagsbrand in das KZ Dachau. Sein Leidensweg war relativ kurz: bereits im November 1933 wurde er während eines Kohlenhofkommandos von dem SS-Scharführer Wilhelm Bürzle – der übrigens auch aus Memmingen kam – ausgesondert und auf der Lagerlatrine erschossen. Möglicherweise wurden hier sozusagen „alte Rechnungen beglichen". Dieser Fall wurde auch in den sog. „Dachauer Prozessen", durchgeführt von der US-amerikanischen Militärverwaltung 1945-1948, verhandelt.

Zu seiner Ehefrau Karolina Bürk, für die ebenfalls ein Stolperstein verlegt wurde, ist derzeit auf Anhieb nichts betr. ihres Lebenswegs zu finden.

Sowohl bei der Stolpersteinverlegung Bürk, wie auch Diefenthaler waren Enkel der Ermordeten zugegen, u.a. der GRÜNE-Stadtrat Stadtrat Herbert Diefenthaler.

Nach dem Stolpersteinbedachten Martin Mayrock wurde bereits 1972 eine Strasse benannt. Er wurde von der Deutschen (katholischen) Bischofskonferenz in den Kreis der Märtyrer des 20.Jahrhunderts aufgenommen. 1884 geboren, fand der gelernte Schirmmacher bald den Weg in die katholische Arbeiterbewegung. Er heiratete 1906 eine 11 Jahre ältere Witwe mit 4 Kindern, deren Schar nach und nach auf 16 anwuchs. Während der Weimarer Republik wurde er Mitglied der Bayerischen Volkspartei, eine christlich-katholische Partei, aber mit ausgeprägtem Antifaschismus, und saß für diese Partei im Stadtrat. So kam auch er 1933 zwei Wochen in Schutzhaft und lebte dann zurückgezogen. 1937 bekam er ein Verfahren wegen negativer Äußerungen gegen den Bund deutscher Mädel, das aber im Sande verlief. 1943 prophezeite er auf Grund der Entwicklung in Italien ein baldiges Ende des Faschismus. Nach dieser Äußerung ließ ihn der NSDAP-Kreisleiter verhaften und er wurde in einem Prozess wegen Wehrkraftzersetzung zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt. Seine Frau starb im Mai 1944, wohl auch aus Gram auf Grund der Ereignisse. Er wurde zur Beerdigung beurlaubt und kam als ein „Häuflein Elend" in Memmingen an und musste zum Friedhof mehr oder weniger geschleppt werden. Ein Memminger Arzt stellte bei dem Geschwächten eine Arsenvergiftung fest und bewirkte eine weitere Beurlaubung von der Haft. Bereits im Juni 1944 verstarb Martin Mayrock.

Abschliessend sei darauf hingewiesen, dass auch dieses Jahr am 9.November um 18.30 Uhr wieder das traditionelle Gedenken an die Reichspogromnacht an der Gedenkstätte am Schweizerberg in Memmingen durchgeführt wird. Aufgerufen haben dazu die DIG (Deutsch-Israelische Gesellschaft), der DGB Schwaben und die Katholische Arbeitnehmerbewegung Memmingen/Unterallgäu. Schirmherrschaft OB Dr. Ivo Holzinger. Eine Rede hält Dr.Eva Umlauf, Kinderärztin, Psychotherapeutin und Überlebende der Shoa. Musikalische Umrahmung Günter Schwanghart (Klarinette).

In Kempten beginnt dieser Mahngang wie üblich am 9.Nov. um 18.00 Uhr auf dem Sigmund-Ullmann-Platz und führt an verschiedenen Stolpersteinen vorbei zum Friedensplatz, dem Denkmal für die deportierten jüdischen Mitbürger.

 

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