Kapitalismus versus Klima

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Naomi Klein: Die Entscheidung - Kapitalismus VS. Klima, Hardcover, S. Fischer 2015, 700 Seiten, 26,99 Euro, ISBN: 978-3-10-002231-8

Marxistische-Blätter 5-2015

18.9.2015 - »Dieses Buch ändert alles«, bewirbt der Verlag S. Fischer das neueste Buch von Naomi Klein. Ein Marketing-Kurzschluss. Denn nicht das Buch, der Klimawandel ist es, der alles ändert, was sich im Originaltitel »This Changes Everything: Capitalism VS. The Climate« korrekt niederschlägt. Naomi Kleins beindruckend recherchiertes 700-Seiten-Buch könnte dennoch das Zeug dazu haben, der Klimadebatte auch hierzulande ihre notwendige gesellschaftspolitische Dimension zurückzugewinnen.

»Capitalism vs. The Climate« ist keine mit Tabellen und Zahlen vollgestopfte trockene Abhandlung. Die Autorin versteht es Ihre Botschaft mittels zahlreicher, zum Teil recht ausführlicher Einzelgeschichten nahezubringen. Sie hat diese Technik schon in »No Logo« (2000) erprobt und in »Die Schock-Strategie« (2007) weiterentwickelt. Dieser warme, leicht-flüssige Erzählstil, der ein gerüttelt Maß persönlicher Empathie erkennen lässt, dürfte nicht unerheblich zur Popularität der Kanadierin beigetragen haben. Dennoch gelingt es ihr immer wieder mühelos aus ihren interessanten Geschichten auf die zentralen, politischen und ökonomischen Probleme zurück zu fokussieren.

Die bisherigen Erfolge, besser Misserfolge der internationalen Klimaschutzbemühungen der »Staatengemeinschaft« sind beeindruckend. Daran lässt Naomi Klein keinen Zweifel. 1972 veröffentlichte der Club of Rome den Report »Die Grenzen des Wachstums«. Seit mehr als 25 Jahren liegen die wissenschaftlichen Gutachten zur Erderwärmung vor. Sie wurden in der Folge immer mehr ausgearbeitet und erhärtet. Auch die Empirie lässt kaum Zweifel, selbst auf der einfachen, visuellen Ebene: Schmelzende Gletscher und Polkappen, Hurrikane, Hochwasser, Extremwetterlagen in immer rascherer Folge. Und dennoch lagen die weltweiten C02-Emissionen 2013 um 61 Prozent höher als 1990. Die UN-Klimakonferenz habe »in ihrem über zwanzigjährigem Bestehen (und über neunzig offiziellen Verhandlungssitzungen seit Verabschiedung der Klimakonvention von 1992) nicht nur keine Fortschritte erzielt, sondern einen quasi ununterbrochenen Prozess von Rückschritten zu verzeichnen.« (21)

Damit erscheine das ohnehin schon fragwürdige Plus-2°Celsius-Ziel (seit Beginn der anthropogenen Erderwärmung/industriellen Revolution) jenseits des Vorstellbaren. Selbst konservative Schätzungen sähen einen deutlich höheren Anstieg um 4 bis 6°C. Pessimistische Szenarien sogar eine Steigerung um 7°C bis zum Ende des Jahrhunderts, immer unter der Voraussetzung, dass alles so weiter läuft. Letzteres würde die Steigerung seit der industriellen Revolution bis heute (0,7 °C) um den Faktor 10 bedeuten. Es gebe Belege, »dass bei 6°C Erwärmung vermutlich mehrere Kipppunkte überschritten werden, mit nicht nur langsam eintretenden Folgen (...) sondern wahrscheinlich abrupten Veränderungen wie der massiven Freisetzung von Methan aus dem arktischen Permafrostboden.« (25) Die entsprechenden Szenarien spiegeln die finstersten Hollywood-Dystopien wider.

»Was ist los mit uns?« stellt die Autorin die entscheidende Frage. »Was hält uns wirklich davon ab, das Feuer zu löschen, das unser gemeinsames Haus zu verbrennen droht?« (30) Irritierend ist hier, für Leser, die gewohnt sind in Klassenkategorien zu denken, das sozial-nivellierende Reflexivpronomen »uns«. Sitzen »wir«, die arbeitenden Menschen, hier tatsächlich in einem Boot mit den Mächtigen der Finanz- und Fossilwirtschaft? Spielt es bei den strategischen Klimaentscheidungen tatsächlich eine Rolle, was mit »uns« los ist, wenn bei den Kriegen um die fossilen Reserven der Tod Hunderttausender ganz offensichtlich nicht die geringste Rolle spielt?

Tatsächlich aber benennt die ausgewiesene Globalisierungskritikerin durchaus die mächtigen Interessen und ideologischen Pressure Groups, die jeden ernsthaften Ansatz zu einem globalen Klimaschutz bislang erfolgreich torpediert haben. Klein parallelisiert den erfolglosen Klimaprozess mit dem von den multinationalen Konzernen vorangetriebenen, erfolgreichen Globalisierungsprozess. (30) Sie benennt zwei Hautprobleme. Den »Massenexport von Produkten über große Distanzen hinweg« und den »Export eines einzigartigen verschwenderischen Konsum-, Produktions- und Agrarmodells« (32) »Anders formuliert, die Befreiung der Weltmärkte, befeuert durch die Förderung nie dagewesener Mengen fossiler Brennstoffe, hat genau jenen Prozess dramatisch beschleunigt, der das Eis der Arktis schwinden lässt.« (33)

Es sind vor allem die ersten beiden Kapitel »Die Rechten haben Recht« und »Heißes Geld« in denen Klein ihre Kritik am Marktfundamentalismus entwickelt. Die konservativen Braintrusts befürchteten zu recht den Einsturz ihres seit Reagan und Thatcher so gehätschelten ideologischen Gerüsts: »Ein Glaubenssystem, das kollektives Handeln verteufelt und jeder Marktregulierung und dem öffentlichen Sektor den Krieg erklärt, lässt sich einfach nicht mit einem Problem vereinbaren, das kollektives Handeln im beispiellose Umfang und ein radikales Zügeln jener Marktkräfte erfordert, die für diese Krise weitgehend verantwortlich sind und sie laufend verschlimmern.« (57)

Die Autorin zitiert eine Studie der Londoner »Carbon Tracker Initiative« zum »Carbon Bubble«, der zufolge das Verbrennen der bekannten Fossilvorkommen ein C02-Volumen von 2795 Gigatonnen emmittieren würde. Das verbliebene CO2-Bud-get, mit dem sich das 2 °C-Ziel bis 2050 erreichen ließe, wird dort mit <565 Gigatonnen beziffert. Rund 80 Prozent der Öl-, Gas- und Kohlevorkommen müssten also im Boden bleiben, wenn es eine Klimachance geben soll. Der Wert der weltweiten fossilen Energiereserven wird auf 27 Billionen Dollar geschätzt. (185) Nach heutigen Preisen. Damit dürfte unter den aktuellen Kräfteverhältnissen die Lage ziemlich klar umrissen sein. Nüchterne Klimaforscher wie Brad Werner beantworten die entscheidende Frage: »Is Earth f**ked?« (Ist die Erde im Arsch) mit einem desillusionierenden: »Mehr oder weniger.« (540) »Es gibt kein >Weitermachen wie bisher<«, (179), glaubt die Kanadierin mit Blick auf den Fracking-Boom und den Teersand-Abbau. »Wir sprengen das Muttergestein unseres Kontinents in die Luft, pumpen Giftstoffe in unser Wasser, schlagen Berggipfel ab, mähen unsere borealen Nadelwälder nieder, bringen die Tiefsee in Gefahr und raufen darum, wer die schmelzende Arktis ausbeuten darf - und das alles nur, um an den letzten Tropfen Öl zu gelangen.« (181)

Naomi Klein belässt es natürlich nicht bei dieser deprimierenden Bestandsaufnahme. Sie sucht hartnäckig nach Wegen, die einen Ausweg aus der programmierten Katastrophe ermöglichen. Dazu gelte es zunächst die ideologischen Hindernisse auf dem Weg zu einer neuen Ökonomie zu überwinden (122), den öffentlichen S ektor wiederherzustellen und neu zu erfinden (130) und das Verursacherprinzip strikt anzuwenden (139). Die »unsichtbare Hand« der Marktfundamentalisten sei auszuschlagen, die Gesellschaft müsse wieder planen und auch verbieten (152) und zum Vorsorgeprinzip zurückkehren. (404) Die Autorin beleuchtet die Verfilzung der großen Umweltorganisationen mit dem Big Business, der Politik und selbst mit der Fossilindustrie. (233) Auch die »grünen Milliardäre« würden uns nicht retten (281) und ebenso wenig die Technikgläubigkeit des »Geo-Engineering«. Zu einem geradezu zynischen Milliardengeschäft sei der Handel mit Verschmutzungsrechten verkommen. (266) Er konstruiere eine Wirtschaft »in der ein Baum kein Baum ist, sondern lediglich eine Kohlenstoffsenke, benutzt von Leuten Tausend Kilometer entfernt zur Beruhigung unseres Gewissen und zur Förderung unseres Wirtschaftswachstums. (273)

Dieser immer aggressiver umweltzerstörende »Extraktivismus« (200) erfordert eine immer weitergehende Außerkraftsetzung auch der bürgerlichen Demokratie. Klein zitiert den Venezolaner Edgardo Lander: »Das totale Scheitern der Klimaverhandlungen zeigt auf, wie sehr wir schon in einer postdemokratischen Gesellschaft leben. Die Interessen des Finanzkapitals und der Ölindustrie sind viel wichtiger als der demokratische Wille der Völker auf der ganzen Welt. In der globalen neoliberalen Gesellschaft ist der Profit wichtiger als das Leben.« (438) Und die Konzerne sind dabei diese postdemokratischen Strukturen, ihren ungehinderten Zugriff auf die politische Macht mit den diversen »Freihandelsabkommen« zu zementieren. »Natürlich werden die reichsten und mächtigsten Unternehmen der Welt die Gesetze ausschöpfen, um echte und eingebildete Bedrohungen aus dem Weg zu räumen und sich die Lizenz dafür zu sichern, dass sie graben und bohren dürfen, wo immer sie wollen.« (433)

»Seien wir realistisch, versuchen wir das Unmögliche.« Es ist das Che-Guevara-Momentum, das Menschen in aussichtslosen Lagen einfach weiterkämpfen lässt. Das war 1914 so, 1933, 1941 und auch 1989. Der Unterschied: Es gibt keine reale Gegenmacht mehr, keinen sicheren Rückraum. Und, fast noch wichtiger, egal wer wie zur SU stand, jeder Sozialismus, der es ernst meint, hat seine Unschuld verloren, ist kontaminiert mit dem Odium des (Umwelt-)Verbrechens wie des Scheiterns und recht überheblicher Ignoranz gegenüber der Dialektik »Mensch - Gesellschaftsformation - Biosphäre«. 1989 war klar, sollten wir es tatsächlich schaffen, gegen den nun wieder globalen Imperialismus noch einmal zu einem Machtfaktor zu werden, die Dynamik der Umweltzerstörung ist dergestalt, dass wir mit hoher Wahrscheinlichkeit zu spät kommen würden.

Naomi Klein schlägt nun vor, aus der immer drängenderen existentiellen Umweltfrage einen neuen integrierenden Motivationsschub für eine progressive Bewegung insgesamt abzuleiten. Ihr »Kapitalismus versus Klima« wäre somit durch Engels' »Sozialismus oder Barbarei« zu ergänzen. Wenn die Klimafrage alles ändert, dann kann sie sich nicht um die Systemfrage herumdrücken.

»Das Geschäft gedeiht auf Trümmern«, schrieb Rosa Luxemburg (»Die Krise der Sozialdemokratie«) während des Ersten Weltkrieges. »Städte werden zu Schutthaufen, Dörfer zu Friedhöfen, Länder zu Wüsteneien, Bevölkerungen zu Bettlerhaufen, Kirchen zu Pferdeställen; Völkerrecht, Staatsverträge, Bündnisse, heiligste Worte, höchste Autoritäten in Fetzen zerrissen; jeder Souverän von Gottes Gnaden den Vetter von der Gegenseite als Trottel und wortbrüchigen Wicht, jeder Diplomat den Kollegen von der anderen Partei als abgefeimten Schurken, jede Regierung die andere als Verhängnis des eigenen Volkes der allgemeinen Verachtung preisgebend; und Hungertumulte in Venetien, in Lissabon, in Moskau, in Singapur, und Pest in Russland, und Elend und Verzweiflung überall. Geschändet, entehrt, im Blute watend, von Schmutz triefend - so steht die bürgerliche Gesellschaft da, so ist sie. Nicht wenn sie, geleckt und sittsam, Kultur, Philosophie und Ethik, Ordnung, Frieden und Rechtsstaat mimt als reißende Bestie, als Hexensabbat der Anarchie, als Pesthauch für Kultur und Menschheit -, so zeigt sie sich in ihrer wahren, nackten Gestalt.«

Global betrachtet besteht der permanente Kriegszustand des Imperialismus, bei gewissen taktischen und zeitweisen Schwankungen aufgrund des real existierenden Sozialismus, seither unverändert fort. Es geht um Ressourcen, Transportrouten, Einflusszonen, um Geostrategie. Natürlich auch, dort wo die Integration versagt, um Disziplinierung und Unterwerfung Unbotmäßiger, Abtrünniger und letztlich auch um physische Ausrottung der Anführer nicht selten auch ganzer Völker. Es geht letztlich um perspektivische imperiale Profitsicherung. Und genau das ist es eben auch, worum es bei der Klimadebatte geht und worin letztlich die Gründe ihres historischen Scheiterns liegen. Eine Klimabewegung, die sich tatsächlich zum Ziel gesetzt hätte, das globale Klima zu schützen, käme nicht umhin, diese »Geschäftsgrundlage« des Imperialismus zur Kenntnis zu nehmen und die Frage zu beantworten, welche Kraft denn mit wem und gegen wen in der Lage sei, den Marsch in den Untergang aufzuhalten.

Die Kanadierin glaubt an die umwälzende Kraft der Basis- und Bürgerbewegungen. »Die Liebe wird die Erde retten.« (407) Gemeint ist die Liebe zur angestammten Heimat, zur sauberen Luft, zu sauberen, bezahlbarem Wasser, zu intaktem Land, zu Wäldern und Flüssen, die zu entschlossenem Protest, einem neuen »Blockadia« (dt. Übersetzung) motiviert. Ihre Bezugspunkte sind die (afro-) amerikanische Bürgerrechtsbewegung und die Sklavenbefreiung. Ihr Held heißt eher Martin Luther King. Sie sieht eine historische Perspektive in einem Zusammenschluss vieler eben auch sehr unterschiedlich orientierter, basisorientierter Bürgerbewegung unter dem gemeinsamen Dach des Schutzes der Umwelt, der gemeinsamen »Atmosphäre als Allmende« (466). Die Klimabewegung als eine Art Protestsammelbecken. Der Klimawandel könne »vielmehr die Kraft - der große Schub -sein, der alle diese noch lebendigen Bewegungen zusammenführt. Ein reißender Strom, in den zahllose Bäche münden, die mit vereinter Kraft das Meer erreichen.« (551) Ein schönes Bild, das aber leider nichts über das Meer zu sagen weiß.

Es geht um alles. Auch und gerade um uns Marxisten, auch wenn wir in »Capitalism vs. The Climate« allenfalls negativ Vorkommen. Das Scheitern der Sozialismusversuche an der Klimafrage entspringt für Naomi Klein seiner inneren Struktur: »Autoritärer Sozialismus und Kapitalismus neigen beide stark zur Zentralisierung (der eine in den Händen des Staats, der andere in den Händen der Konzerne). Beide halten überdies ihr System durch skrupellose Expansion in Gang - sei es durch Produktion um der Produktion willen in der Sowjetära des Sozialismus, oder durch Konsum um des Konsums willen im Konsumkapitalismus«. (221) Nun, das mag mit Blick auf ihr Publikum geschrieben sein, bekanntlich trifft es das nicht so ganz. Weder gibt es einen »Konsum um des Konsums willen« noch eine »Produktion um der Produktion willen«. Im Kapitalismus heißt der einzige wirklich schlagende Antrieb: Profit. Und in der unterlegenen Ökonomie der SU hieß es: Produktionssteigerung um nahezu jeden Preis, um der ökonomisch-militärischen Erdrosselung zu entgehen.

Die skeptische Haltung der Autorin zu linken Versuchen - sie konfrontiert ausgerechnet Alexis Tsipras mit seinen nichteingehaltenen Klimaversprechen (225) - weist auf eine etwas eingeschränkte Wahrnehmung des imperialistischen Machtpotentials und seines aggressiven Grundcharakters hin. Klein verharrt in den Kategorien der Globalisierungskritik und des Anti-Neoliberalismus.

Trotzalledem, Che Guevara im Hinterkopf, weist Naomi Klein zu Recht auf eine zugegeben deutlich unterbelichtete Stelle in der marxistischen Theorieentwicklung und politischen Praxis hin. »Nach den Jahren der Depression in Griechenland haben wir den Klimawandel vergessen«, hatte Alexis Tsipras geantwortet (225). Unsere Antwort

würde sich nicht sehr unterscheiden. Politische Ökonomie und Klimaschutz sind zusammen zu denken. Die daraus erwachsenden Protestpotentiale sind nicht zu unterschätzen. »Blockadia« kann nur ein erster Schritt sein. Wer nachhaltige Lösungen sucht, kommt bekanntlich um die Machtfrage nicht herum. Die Misserfolge der Sozialismusversuche sind kein Gegenargument. Eine nachkapitalistische Gesellschaft, Sozialismus, ist selbstredend keine Garantie, aber notwendige Bedingung, um überhaupt eine Chance auf Erhalt einer überlebenssichernden Biosphäre zu haben. Dies zumindest wird nach der Lektüre dieses sehr empfehlenswerten Buches - wenn dort auch unausgesprochen - ziemlich deutlich.

Klaus Wagener

 

 
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