Viehscheid im Allgäu

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kuh 219.9.2015 - Zur Zeit sind die regionalen Medien im Interesse der Tourismusindustrie voll von Ankündigungen über die Viehscheidtermine da und dort. Aufgerufen wird zur Prämierung des schönsten Kranzrindes beim Almabtrieb (genau heißt es im alemannischen Allgäu Alpabtrieb). Strassensperrungen sind wegen der abwärts ziehenden Schumpen (Jungvieh) an der Tagesordnung. Etwa 30.000 Tiere waren diesen Sommer wiederum in der gesunden Höhenluft. Die EU-Instanzen subventionieren die Kur für jedes Stück Vieh mit einem bestimmten Betrag. Die Lebensmilchleistung soll bei derart gesömmerten Tieren (überwiegend ist es noch nicht geschlechtsreifes und nicht milchlieferndes Jungvieh) höher sein.

Doch unter den Allgäuer Milchbauern gärt es. Wie schon vor einigen Wochen in München, machten sich dieser Tage mehrere hundert von ihnen Luft mit Höllenlärm von Traktoren, Sirenen und Kuhschellen beim „Grünen Tisch“ in Sonthofen. Bundes- und Landtagsabgeordnete der CSU aus dem Allgäu hatten eingeladen zur Diskussion über den „Milchpreisverfall“ (weniger für die Verbraucher, mehr für die Milchbauern). Neben Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (der ja in der Vergangenheit mehr dadurch hervortrat, beim alljährlichen Gebirgsjägertreffen am Hohen Brendten bei Mittenwald als Verteidigungsstaatssekretär die „Traditionspflege“ der Bundeswehr und ihrer alten Kameraden zu betreiben) war auch Bundes-Entwicklungsminister Gerd Müller, auch im Allgäu zu Hause, dabei. Die ebenfalls eingeladenen Vertreter der Handelsriesen glänzten durch Abwesenheit, mit Ausnahme des Vertriebschefs von Rewe, Edmund Pillekamp.

Bis vor kurzem gab es die EU-weite Milchquote. Die Milchbauern waren gehalten, eine bestimmte Menge der Milchproduktion nicht zu überschreiten. Taten sie dies doch, war eine Strafzahlung an die EU, die sog. Superabgabe, fällig. Nun wurde die Milchproduktion im Sinne des Marktliberalismus freigegeben. Doch dummerweise brach zu gleicher Zeit der Export nach Russland wegen der Sanktionen im Zusammenhang mit den Entwicklungen in der Ukraine vollkommen weg, und auch der Export nach China verringerte sich. (In China spielte die Eiweißversorgung der Menschen durch Milch/produkte traditionell keine Rolle. Erst in jüngerer Zeit passt sich die chinesische Bevölkerung auch in diesem Punkt westlichen Standards an). Das führte nun dazu, dass der Milchpreis (für die Bauern!) in kurzer Zeit von 41 Cent pro Liter auf 29 Cent fiel.

Nun sollen allerdings aus der Reserve der vorgenannten Superabgabe von Brüssel 69 Millionen Euro an geschädigte Bauern in Deutschland zurückbezahlt werden. Und hier kommt nun die Vielfalt der bäuerlichen Interessenvertretungen ins Spiel: Der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM) mit seinem Vorsitzenden Romuald Schaper aus dem Allgäu lehnt dieses „Almosen“ ab und fordert richtigerweise eine längerfristig verlässliche Politik. Der Bayerische Bauernverband (BBV) im Westallgäu hingegen fordert genau solche Entschädigungen. Die „Kreisbäuerin“ aus dem Oberallgäu kritisiert den Preismachtkampf des Lebensmittel-Einzelhandels und ihr Kollege das Preisdiktat der Molkereien.

Jahrzehntelang witzelte der Volksmund über die völlig intransparente Landwirtschaftspolitik der EU und die scheinbar davon profitierenden Bauern (es waren eigentlich schon immer nur hauptsächlich die Großbetriebe). Den Milchbauern in Deutschland und in anderen EU-Ländern, die ja genauso betroffen sind) könnte man nur empfehlen: „Bauern aller Länder, vereinigt Euch“. Nicht nur in der Flüchtlingsfrage zeigt sich die EU derzeit hilflos, auch in der Landwirtschaftspolitik.

 

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