Elemente einer echten Energiewende

E-Mail Drucken PDF

Donnerstag, 10.7.2014, 19:00 Uhr

Franz Garnreiter
isw - Institut für sozial-ökologische Wirtschaftsforschung

gemeinsame Veranstaltung: Z - Linkes Zentrum in Selbstverwaltung in Rosenheim

Folien vom Vortrag unten als Anlagen

12.6.2014 - Vor dem Hintergrund der Ausplünderung des Planeten und der drohenden Klimakatastrophe ist das Ringen um eine Energiewende von existenzieller Bedeutung für die Menschheit.

Welche Möglichkeiten bestehen im Rahmen kapitalistischer Profitwirtschaft, dieses öffentliche Interesse am Klimaschutz durchzusetzen? Und wo stößt man dabei auf Systemgrenzen, die bei einer Realisierung der erforderlichen Maßnahmen überwunden werden müssen?

Der Referent diskutiert anhand wichtiger Maßnahmen, dass eine Energiewende mehr ist als nur Solaranlagen, und wie wir -- gegen die Interessen des Kapitals, gegen die Konkurrenzwirtschaft -- das öffentliche Gut Klimaschutz voran bringen können.

Notwendigkeit einer Energiewende

Weltweit sind die CO2 Emissionen im letzten Jahrzehnt explosionsartige angestiegen, trotz der Weltwirtschaftskrise 2009 und der voran gegangenen Wirtschaftskrise zu Beginn des Jahrzehnts. Noch niemals in der Geschichte sind die CO2-Emissionen so stark angewachsen wie im letzten Jahrzehnt. Die Internationale Energieagentur IEA errechnet eine Erwärmung bis 2100 um 3,6°C, also fast das Doppelte der bisherigen Zielsetzung einer maximalen Erwärmung um 2°C. Die Weltbank und die UNO - sie bekräftigen weiterhin das 2°C-Ziel - diskutieren mittlerweile die Auswirkungen einer Temperaturerhöhung um 4°C. Die neueste Meldung seitens der IEA lautet, dass sie eine Erwärmung um 5°C für schon fast unvermeidlich hält.

Das in den Sonntagsreden immer noch bekräftigte Ziel, die Klimaerwärmung auf 2°C zu begrenzen, ist schlicht Illusion. Illusion bei Beibehaltung der derzeitigen Politischen Ökonomie, der derzeitigen weltweiten Herrschaftsverhältnisse. Denn nicht nur Greenpeace, sondern auch viele andere Analysen belegen, dass bei einem grundsätzlichen Politikwechsel zugunsten einer Klimasanierung zumindest fundamental mehr Klimaschutz möglich wäre. Es ist dies alles der offene und totale Bankrott einer kapitalistischen Klimaschutzpolitik. Mit den Methoden, die dieses Wirtschaftssystem bereit hält, verlieren die Menschen immer mehr.

Die Interessen an der Klimakatastrophe

Insgesamt ist der Wert der Ölreserven von rund 25 000 Mrd $ v.a. ab 2000 auf heute 180 000 Mrd $ gestiegen. Wird all das Öl noch gefördert, dann wird das nach heutigen Preisen die Fördergesellschaften mit einem Umsatz von 180 000 Mrd $ erfreuen. Hinzu kommen noch die Erlöse für Transport, Umwandlung, Verteilung, Vermarktung. Oder, im Fall der Klimasanierung, fallen die Umsatzerwartungen der Exxon, Shell, Total, Gazprom, Aramco usw. in sich zusammen - desgleichen die damit verbundenen Profithoffnungen.

Neben Öl gibt es auch noch Erdgas und Kohle. Zusammen stecken noch förderwürdige fossile Energieträger für 360 000 Mrd $ im Boden, das ist das Fünffache des heutigen Welt-Sozialproduktes. Aus Konzernsicht ein riesiges, starkes und durchschlagendes Argument dafür, es mit der Klimasanierung eher langsam und besonnen, nicht überhastet anzugehen, es nicht zu übertreiben.

Die gesellschaftliche Gestaltung der Energiewende

Eine Energiepolitik, eine Klimapolitik ist eng verflochten mit einer ganzen Reihe von anderen Politikfeldern. Es geht praktisch überall darum, die kapitalistische Marktkonkurrenz auszuschalten und an ihrer Stelle stattdessen bessere = politische und demokratische Entscheidungsverfahren über die anstehenden Maßnahmen zu finden, dass also bewusste gesellschaftliche Planung an die Stelle der kapitalistischen Konkurrenz tritt.

Nicolas Stern: ’’Der Klimawandel ist der größte Fall von Marktversagen, den die Welt je gesehen hat”. Der Widerspruch zwischen dem Profitstreben der Konzerne und den verheerenden Entwicklungen in der Gesellschaft müssen wir überwinden. Dieser Widerspruch ist genau das, was Marx als den Grundwiderspruch des kapitalistischen Systems benennt: den Widerspruch zwischen der objektiv gesellschaftlichen Produktion und der privaten Aneignung, also der völligen Ausblendung dieser Gesellschaftlichkeit bei den Entscheidungen über das Was und Wie der Produktion. In der Energiewirtschaft wird es besonders deutlich, dass die gesellschaftlichen Interessen heute viel entscheidender sind für die gesellschaftliche Entwicklung als die individuellen Profitinteressen, und dass sie laufend immer noch wichtiger werden. Daraus folgt, dass wir den Komplex Energiewirtschaft und Klimaschutz als öffentliches Gut betrachten müssen, wie Bildung, Gesundheit, Sicherheit.

Umverteilung statt Wachstum

Wir haben nur eine einzige Erde. Die UNO mahnt: „Wenn bei heutigem technologischen Stand jeder auf der Welt genauso viel verbrauchen würde wie die Menschen in den reichen Ländem, dann würden wir mehr als drei Planeten wie die Erde benötigen, um der Umweltbelastung standzuhalten.“ Im Moment wird die Erde größtenteils von den Einkommensreichen vernutzt. Die erzwungene Bescheidenheit der armen Menschen hat uns Reiche bisher vor dem Umweltkollaps bewahrt. In der heutigen Welt beläuft sich die Spanne der Verteilung des verfügbaren Einkommens von weniger als 1 $ bis auf viele Tausend $ pro Kopf pro Tag.

Eine massive Umverteilung bzw. eine Kappung von Luxus wird wohl unumgänglich sein, wenn wir auch in sozialer Hinsicht eine langfristige Nachhaltigkeit unseres Wirtschaftens erreichen wollen. Eine Umverteilung würde die soziale Lage auch ohne weitere Umweltbelastung verbessern. Wachstum in den reichen Ländern kann vor diesem Hintergrund kein positives Ziel an sich sein.

Internationale Zusammenarbeit

Eine ganz elementare logische Konsequenz aus dem Verursacherprinzip wäre es, wenn die traditionellen Hochemissionsländer, also auch Deutschland, endlich forciert mit der Emissionsreduzierung beginnen würden, und zwar unabhängig von internationalen Vereinbarungen.

Die Ansiedlung von Firmen und Produktionsstätten kann nicht den Märkten überlassen bleiben. Die Weiterverarbeitung geförderter Rohstoffe vor Ort müsste die grundsätzlich bevorzugte Vorgehensweise werden. Dadurch würde der Transportaufwand reduziert und der Industrieaufbau in armen Ländern unterstützt. Die Herstellung von Teilprodukten in weit entfernt liegenden Betrieben ist zu untersagen. Das führt zu überlangen und technisch völlig überflüssigen Transportwegen.

 

Folgende Maßnahmen werden vorgeschlagen:

  • Schneller Aufbau regenerativer Energien bei Abschaltung von Kernkraftwerken und zügiger Reduktion fossiler Brennstoffe
  • Stadtwerke stehen im Mittelpunkt einer dezentralen, kleinräumigen Energieversorgung, demokratisch kontrolliert
  • Energieeffizienz, Reduzierung des Verbrauchs von Energie bzw. Strom bei Produktion, Haustechnik, Verkehr usw.
  • Resourceneffizienz, Recycling, Einsparung von Rohstoffen
  • Energiepreise: Niedrigpreise im Grundverbrauch, hohe Preise für Großverbraucher
  • Verbot der Spekulation mit Energie und Rohstoffen durch das Finanzkapital.
  • Verstärkter Einsatz der staatlichen Forschung für die genannten Zwecke

 

Anlagen:
Diese Datei herunterladen (Folien 140710.ppt)Folien vom Vortrag[ ]1491 Kb
 
Banner